Improvisationstheater und Comedy

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Tabu

Tabus bedeuten beim Improvisationstheater, dass Spiele, Spielideen, Vorgaben oder Verhaltensweisen aus bestimmten Gründen bewusst vermieden bzw. ignoriert werden. Diese Tabus können die gesamte Gruppe betreffen oder nur einzelne Spieler.

Themenbezogene Tabus

Kommen etwa bestimmte "schlüpfrige" Vorschläge aus dem Publikum - siehe Unter der Gürtellinie - dann mag die Umsetzung insbesondere für weniger routinierte Spieler schwierig werden, aber auch dann, wenn Kinder im Publikum sind, mag ein "zotiger" Vorschlag in bierseliger Volksfeststimmung wie "Analsex" nicht unbedingt dem Wohl der Kinderseele dienlich sein. Schwierig können auch Spielideen sein, die möglicherweise Gefühle bestimmter Zuschauergruppen verletzen, etwa "gotteslästerliche" Spielszenen, oder Scherze auf Kosten von Behinderten (siehe auch Tick), Kranken, sexuellen Minderheiten.

Allerdings kann es sein, dass bestimmte Zuschauergruppen viel toleranter und humorvoller in eigenen Angelegenheiten sind, als es (manchmal überfürsorgliche) Außenstehende oft erwarten oder verlangen. So mag es durchaus sein, dass bei einer Veranstaltung von Rollstuhlfahrern "heitere" Szenen über das Rollstuhlfahren und über Probleme Querschnittsgelähmter durchaus toleriert, vielleicht sogar gewünscht sind.

Auch bestimmte Spielideen oder -vorschläge mit politischem oder historischem Hintergrund sind unter Umständen menschenverachtend oder einfach geschmacklos - etwa eine "heitere" Szene im Vernichtungslager oder eine im brennenden World Trade Center. Hier ist entweder die Szene zu vermeiden oder möglicherweise von Profis und erfahrenen Spielern mit sehr viel "Fingerspitzengefühl" doch spielbar (siehe im Film Charly Chaplin: "Der große Diktator" und Ernst Lubitsch "Sein oder Nichtsein").

Dass es bestimmte situationsbezogene Tabus geben kann, versteht sich von selbst. Etwa die Spielidee eines am Kreuz fröhlich singenden Jesus' mag Monty Python-Anhänger begeistern, kommt aber bei einem Kongress bibeltreuer Christen möglicherweise nicht so gut an. Auch eine Szene mit dem Berufsvorschlag "Bestatter" könnte bei einem Geburtstagsauftritt für eine hochbetagte Person die Freude trüben.

Da es beim Improtheater aber auch ernste Szenen gibt, sind die themenbezogenen Tabus eher auf die komödiantischen Szenen bezogen.

Man sollte sich als Gruppe vorher im Klaren sein, welche immerwährenden und situationsbezogenen Tabus es gibt!

Dramaturgische Tabus

Es gibt bestimmte Handlungselemente, die (angeblich) streng auf der Bühne "verboten" sind, weil sie dramaturgisch unergiebig oder schädlich sind. Klassisches Beispiel (von Keith Johnstone) soll das Kotzen sein.

Gruppendynamische Tabus

Es kann bestimmte geklärte oder ungeklärte gruppendynamische Tabus geben, dh. Tabus, die die Interaktion, das Zwischenmenschliche innerhalb der Gruppe oder zwischen einigen Spielern betreffen. Beispiel ist das Küssen. Auch Konflikte oder Antipathien können - insbesondere wenn sie ungeklärt und unausgesprochen sind - zu einem spielerischen Tabu führen. Hier ist insbesondere an den Fall zu denken, dass eine Person mit einer anderen nicht spielen kann oder will oder im Spielen engeren Körperkontakt mit der betreffenden Person vermeidet.

Persönliche Tabus

Es kann sein, dass man bestimmte Szenen nicht spielen mag oder spielen kann, weil sie zu einer (über-)starken persönlichen Betroffenheit führen (könnten). Etwa ein traumatisches Kindheitsereignis, eine persönlich schwierige Sitution aus ferner oder jüngerer Vergangenheit (z.B. Trauerfall, Mobbing). Neben persönlicher Betroffenenheit können auch bestimmte höchstpersönliche Grundhaltungen und Einstellungen maßgebend sein, die über das hinausgehen, was gruppenbezogen als Tabu klar ist (siehe insoweit die themenbezogenen Tabus). Hier ist zu denken an Lebenseinstellungen, an religöse oder politische Einstellungen. Beispiele: Ein Spieler, der Jäger ist, lehnt Szenen ab, in denen Jäger als Tierquäler oder "Mörder" dargestellt werden. Eine Mitarbeiterin eines Frauenhauses will nicht in einer Szene mitspielen, in der sie von einem Mann geschlagen wird. Ein atheistischer Spieler singt keine Gospellieder.

Akzeptanz der Tabus

Die Frage ist, ob und inwieweit Tabus beachtet, bearbeitet, ins Spielen integriert, letztlich vielleicht doch ignoriert werden müssten oder sollten...


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updated: 2015-01-25 by Klaus

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