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Behaupten

Behaupten: Die Welt erschaffen, statt sie nur zu verwalten

Wenn das Blocken die Handbremse im Improvisationstheater ist, dann ist das Behaupten (im Englischen oft „Making Statements" genannt) das Gaspedal, der Treibstoff und der Kompass zugleich. Es ist die Kunst, die Leere der Bühne mit Realität zu füllen. Im Grunde geht es dabei um eine ganz zentrale Entscheidung, die wir in jeder Sekunde neu treffen: Übernehme ich die Verantwortung für die Szene oder schiebe ich sie meinem Partner in die Schuhe?

In der Ausbildung landen wir oft in einer Sackgasse aus Fragen. „Wo sind wir?", „Was machst du da?", „Wer bist du eigentlich?". Das fühlt sich im ersten Moment sicher an, weil wir uns nicht festlegen müssen. Aber für den Partner ist das Schwerstarbeit. Du zwingst ihn, die ganze kreative Last allein zu tragen. Eine Behauptung hingegen ist ein Geschenk. Wenn du sagst: „Willkommen in meiner Folterkammer!", dann weiß dein Partner sofort, woran er ist. Du hast die Realität definiert und ihm eine stabile Basis gebaut, auf der er sicher landen kann.

Doch „Behaupten" ist nicht gleich „Behaupten". Über die Jahrzehnte haben sich unterschiedliche Schulen und Philosophien entwickelt, die jeweils eine ganz eigene Sichtweise darauf haben, wie wir Fakten in die Welt setzen. Schauen wir uns an, wie die großen Meister der Improvisation dieses Werkzeug verstehen.


1. Keith Johnstone: Das Behaupten als Machtmittel und Geschenk

Für Keith Johnstone, den Vater des Theatersports, ist eine Behauptung vor allem ein Mittel gegen die Angst vor der Leere. Er sieht das „Statement" als eine Art Mutprobe.

  • Der Status-Aspekt: Johnstone hat erkannt, dass jede Behauptung das Machtgefüge auf der Bühne verändert. Sagst du: „Setz dich hin, ich muss mit dir reden!", behauptest du Dominanz. Sagst du: „Bitte tu mir nichts, ich habe das Geld nicht!", behauptest du Unterwürfigkeit. Für Johnstone ist eine Szene erst dann lebendig, wenn sich durch Behauptungen der Status der Figuren verschiebt.
  • Gutes vs. Schlechtes Behaupten: Johnstone warnt vor dem „Erfinden". Schlechtes Behaupten ist, wenn man ständig neue, zusammenhanglose Fakten einwirft („Es regnet", „Ich bin ein Hund", „Das Auto ist kaputt"). Gutes Behaupten bedeutet für ihn, eine Behauptung aufzustellen und dann die Konsequenzen zu akzeptieren. Wer behauptet, er sei ein König, muss die Last der Krone die ganze Szene über tragen.
  • Naming the Game: Eines seiner stärksten Werkzeuge ist das Aussprechen des Offensichtlichen. Wenn dein Partner zögert, behaupte: „Du hast Angst vor mir." Das macht die unterbewusste Dynamik zur offiziellen Wahrheit.

2. Del Close: Die Wahrheit als ethische Pflicht

Del Close, der Architekt des modernen Longform-Impro (wie dem „Harold"), nähert sich dem Thema viel philosophischer. Wo es bei Johnstone um Kontrolle geht, geht es bei Close um Gruppenintelligenz.

  • Der Partner als Genie: Eine Behauptung ist für Close ein Akt der Wertschätzung. Wenn du sagst: „Du bist der fähigste Chirurg des Landes", erhebst du deinen Partner. Du lässt ihn gut aussehen.
  • Die No-Question-Regel: Close war berüchtigt dafür, Fragen im Training fast komplett zu verbieten. Er nannte Fragen „Subtle Blocking". Wer fragt, verweigert die Verantwortung. Er verlangte stattdessen das „Initial Agreement": Wir verhalten uns so, als ob die Realität bereits existiert, ohne sie mühsam erklären zu müssen.
  • Truth is Funny: Er glaubte nicht an ausgedachte Pointen. Behauptungen sollten „emotionale Wahrheiten" sein. „Ich fühle mich einsam, wenn du so redest" ist eine stärkere Behauptung als jeder flache Witz, weil sie eine echte Bindung schafft.

3. Viola Spolin: Behaupten mit dem Körper

Viola Spolin, die Mutter der „Theater Games", bringt das Behaupten weg vom Kopf und hin zum Körper. Für sie ist eine verbale Behauptung ohne physische Entsprechung „heady" (kopflastig) und wertlos.

  • Physicalization: Wenn du behauptest, es sei eiskalt, dann reicht es nicht, das zu sagen. Du musst es durch das Zittern deines Körpers behaupten. Die Realität entsteht durch den Umgang mit dem „Space Object" (dem unsichtbaren Gegenstand).
  • Point of Concentration (POC): Spolin gibt Spielern Aufgaben, die sie so sehr fordern, dass sie gar keine Zeit haben, über „gute" Ideen nachzudenken. Wenn du dich darauf konzentrierst, einen schweren Koffer zu tragen, behaupten deine Muskeln dessen Gewicht automatisch. Das Gehirn schaltet den inneren Zensor aus, und die Wahrheit passiert einfach.
  • Das „Where": Durch das physische Behaupten der Umgebung (Türen öffnen, Wände spüren) entsteht ein Raum, den alle teilen. Wenn du durch den Tisch deines Partners läufst, hast du seine Behauptung „gelöscht".

4. Mick Napier und Bill Arnett: Mut zur radikalen Wahl

Moderne Ansätze wie die von Mick Napier (Annoyance Theatre) oder Bill Arnett gehen noch einen Schritt weiter und fordern eine fast aggressive Form der Eigenverantwortung.

  • The Big Choice (Napier): Napier sagt: Warte nicht auf deinen Partner! Geh auf die Bühne und habe schon eine fertige Behauptung im Kopf, noch bevor ein Wort gewechselt wurde. „Ich hasse diese Tapete" ist eine Wahl, die dich durch die ganze Szene trägt. Wer nicht behauptet, wartet nur. Und Warten tötet den Flow.
  • Meinung vor Fakt (Arnett): In seinem Konzept der „Three Pillars" sagt Arnett, dass Fakten-Behauptungen („Hier ist ein Baum") zwar okay sind, aber erst Meinungen („Ich liebe diesen Baum") und Emotionen („Dieser Baum macht mich traurig") echtes Theater erzeugen. Sein Rat: Erledige die Fakten schnell und geh sofort dazu über, zu behaupten, wie du zu den Dingen stehst.

Woran man gute Statements erkennt (und wo die Fallen liegen)

Gutes Behaupten hat einen Rhythmus. Es geht darum, der Szene ein Skelett zu geben, ohne sie in ein Korsett zu zwängen.

  • Die Gefahr des „Information Dump": Patti Stiles (eine Johnstone-Schülerin) warnt davor, den Partner zuzuschütten. Wenn du sagst: „Hier sind dein Pass, deine 500 Euro, die Tickets nach Paris und dein falscher Bart", dann baust du eine Mauer statt einer Tür. Eine gute Behauptung lässt Raum, damit der Partner mitbauen kann.
  • Der „Faktenblock": Das ist der Klassiker unter den Fehlern. Partner A sagt: „Endlich sind wir auf dem Mars!" Partner B antwortet: „Quatsch, wir stehen beim Bäcker." Damit ist die Szene gelöscht. Wenn wir behaupten, müssen wir die Behauptungen der anderen als absolute Wahrheit unterschreiben.
  • Die Logik-Falle: Oft behaupten wir etwas, nur um es im nächsten Satz logisch „wegzuerklären". A: „Die Blume singt ja!" B: „Ach was, das ist nur der Wind." Damit killst du die Magie. Eine gute Behauptung bleibt stehen, auch wenn sie absurd ist.

Warum wir oft nicht behaupten (und wie wir es lernen)

Der Hauptgrund für das Fehlen von Behauptungen ist schlichtweg Angst. Angst, etwas „Falsches" zu sagen, Angst vor dem Kontrollverlust oder der Drang, besonders schlau oder originell sein zu wollen. Wir blocken oft, wenn uns eine Rolle zu nahe geht, und flüchten uns dann in Ironie oder Fragen.

Um das Behaupten zu trainieren, nutzen wir im Training gezielte Übungen:

  1. Radikale Zustimmung: Eine Szene, in der man zu allem „Ja, genau, und außerdem…" sagen muss. Das parkt das eigene Ego.
  2. Last Word Response: Man muss seinen Satz mit dem letzten Wort des Partners beginnen. Das zwingt zum Zuhören und verhindert, dass man nur seinen eigenen „Film" abspult.
  3. Nur Behauptungen: Eine Übung, in der Fragen strikt verboten sind. Man merkt sofort, wie viel schneller die Szene an Fahrt aufnimmt.

Fazit: Werde zum Schöpfer deiner Welt

Zusammenfassend lässt sich sagen: Behaupten bedeutet, den Modus des Beobachters zu verlassen und zum Schöpfer zu werden. Ob du nun nach Johnstone den Status klärst, nach Close die tiefe Wahrheit suchst oder nach Spolin den Raum physisch belebst: Am Ende geht es immer darum, dem Partner und dem Publikum eine Welt anzubieten, an die man glauben kann.

Trau dich, die Kontrolle abzugeben, indem du dich festlegst. Ein Statement ist kein Gefängnis, sondern das Fundament, auf dem du tanzen kannst. Hör auf zu überlegen, was eine gute Idee wäre. Behaupte einfach irgendetwas und finde dann gemeinsam mit deinem Partner heraus, warum es wahr sein muss. Die Bühne ist leer, bis du sagst, was dort ist. Also: Triff eine Wahl!

Zuletzt bearbeitet von improwiki, 07.05.2026 15:09 · Versionsgeschichte · ·

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