Skip to content

Gag

Gags: Wenn der Witz die Szene frisst

Wir alle kennen diesen Moment auf der Bühne: Die Szene ist gerade so richtig schön am Laufen, die Spannung steigt – und plötzlich haut jemand eine Pointe raus. Das Publikum brüllt vor Lachen, aber danach? Danach ist die Luft raus. Die Geschichte ist weg, die Charaktere sind nur noch Abziehbilder und wir wissen eigentlich nicht mehr, warum wir gerade überhaupt zugeschaut haben.

Ich habe Improgruppen gesehen, die Gags so extrem übertrieben haben, dass sie die Szene komplett zerstört haben. Es wurde immer wieder derselbe Gag gebracht und das Publikum ist ausgerastet, aber das Spiel war öde. Es war ein wenig so wie das Furzkissen bei Omas Geburtstag.

In der Impro-Welt ist das Thema „Gags" ein echtes Minenfeld. Während die einen sie als absolutes No-Go verteufeln, sehen andere sie als legitimes Werkzeug. Aber warum ist das so? Und wann wird ein Lacher zum Problem?

Die Johnstone-Doktrin: Gags als Fluchtreflex

Für Keith Johnstone, einen der Urväter des Impro, ist ein Gag oft nichts anderes als ein „Narrative Killer". Wenn du einen Witz auf Kosten der Szene machst, blockst du die Geschichte. Du reißt das Publikum aus der gemeinsamen Realität heraus, nur um einen schnellen Erfolg zu verbuchen.

Warum wir es trotzdem tun: Johnstone sagt ganz klar: Es ist Angst. Wenn wir nicht wissen, wie es weitergeht, oder wenn uns die Intimität in einer Szene zu nahe geht, flüchten wir uns in den Humor. Es ist ein Schutzmechanismus, um die Ungewissheit zu brechen. Sein Rat klingt simpel, ist aber verdammt schwer: „Sei durchschnittlich. Sei gewöhnlich." Der echte Humor entsteht nämlich nicht durch die Pointe, sondern durch das ehrliche Scheitern der Charaktere.

Del Close: Die Wahrheit über den Witz

In Chicago sah Del Close das Ganze ähnlich streng, aber mit einem anderen Fokus. Sein Credo: „Truth is funny" (Wahrheit ist lustig). Für ihn war ein billiger Gag ein Verrat am Ensemble und an der Intelligenz des Publikums.

Wer „gaggt", stellt sich ins Rampenlicht und lässt den Partner im Regen stehen. Close forderte „High Art": Wir sollen am oberen Rand unserer Intelligenz spielen. Ein guter Improvisator sucht nicht nach dem Witz, sondern nach der emotionalen Wahrheit des Augenblicks. Wenn du versuchst, witzig zu sein, bist du es meistens gerade deshalb nicht.

Andere Mütter, andere Väter: Es gibt auch Grauzonen

Nicht alle sehen das so dogmatisch wie Johnstone und Close. Mit der Zeit haben sich Ansätze entwickelt, die einen entspannteren Umgang mit dem Humor pflegen:

Viola Spolin (Das Spiel zählt): Für sie ist der Gag eine Ablenkung vom eigentlichen „Game". Wenn du dich auf deine Aufgabe konzentrierst (z. B. eine physische Aktion), entsteht die Komik von ganz allein aus deiner Spielfreude. Der Gag ist hier einfach nur unnötiges „Angeben".

Mick Napier (Trau deinem Impuls): Napier ist der Rebell. Er sagt: Wenn dir ein Witz einfällt und du gerade richtig Bock drauf hast – dann mach ihn! Die Angst, eine Regel zu brechen (wie „Keine Gags"), lähmt dich nur. Ein selbstbewusster Spieler, der Spaß hat, ist ihm lieber als ein verkrampfter Theoretiker.

UCB / Will Hines (Der systematische Witz): Hier wird unterschieden. Ein „Bad Gag" bricht die Logik der Szene (plötzlich taucht ein Alien auf). Ein „Good Humor" hingegen vertieft das ungewöhnliche Muster der Szene. Wenn dein Charakter eine Macke hat, ist jede Steigerung dieser Macke technisch gesehen ein Gag – aber einer, der die Szene stützt, statt sie zu zerstören.

Woran erkenne ich „schlechtes" Gagging?

Hier sind ein paar Warnsignale, dass dein Witz gerade nach hinten losgeht:

  • Der Story-Stopp: Der Witz beendet das Gespräch, anstatt es voranzutreiben.
  • Die Karikatur: Du spielst keine echte Person mehr, sondern nur noch eine Witzfigur, um Lacher zu ziehen.
  • Das „Aus-der-Rolle-Fallen": Du zwinkerst dem Publikum quasi zu („Guckt mal, wie lustig ich bin").
  • Der Opfer-Gag: Du machst einen Witz über das Angebot deines Partners und machst es damit lächerlich oder ungültig.

Fazit: Was machen wir jetzt damit?

Letztlich geht es um die Balance. Ein Gag ist wie eine scharfe Gewürzmischung: Ein bisschen was davon kann die Szene aufpeppen, aber wenn du den ganzen Topf reinkippst, schmeckt man vom eigentlichen Gericht (der Story und den Charakteren) nichts mehr.

Die Faustregel: Frag dich kurz (wirklich nur ganz kurz!): Hilft dieser Witz gerade meiner Figur oder der Geschichte? Oder will ich gerade nur kurz die Bestätigung vom Publikum, weil ich Schiss vor der Stille habe? Wenn du dich traust, in der Unbehaglichkeit der Szene zu bleiben, entstehen oft Momente, die viel tiefer und am Ende auch viel lustiger sind als jede ausgedachte Pointe.

Zuletzt bearbeitet von improwiki, 07.05.2026 14:03 · Versionsgeschichte · ·

Mehr aus dieser Kategorie

Gruppe folgen

Wenn diese Gruppe neue Termine anlegt, erscheinen sie automatisch in deiner persönlichen Terminliste. Dafür musst du eingeloggt sein.

Jetzt einloggen