Geschwätzigkeit: Wenn der Mund schneller ist als die Szene
Man kennt das Gefühl. Man steht auf der Bühne, der Partner hat gerade etwas Tolles angeboten, und plötzlich fängt man an zu reden. Und man hört nicht mehr auf. Man quasselt über das Wetter, erklärt langatmig, warum man gerade die Schuhe auszieht, oder verliert sich in Details über eine Tante, die gar nicht im Raum ist. Am Ende der Szene haben wir zwar ein Loch in den Bauch des Partners geredet, aber passiert ist eigentlich gar nichts.
Das ist „Geschwätzigkeit" im Improtheater. Es ist einer der hartnäckigsten Abwehrmechanismen, die wir haben. Es fühlt sich im Moment vielleicht sicher an, weil keine peinliche Stille entsteht, aber für die Szene ist es oft der sichere Tod. Wir schütten die Handlung mit Worten zu, bis keiner mehr weiß, worum es eigentlich geht.
Warum wir die Szene zutexten
Warum machen wir das überhaupt? Warum ist es so schwer, einfach mal die Klappe zu halten? Keith Johnstone, einer der ganz Großen in der Improv-Welt, hat dafür zwei wunderbare Begriffe gefunden: Waffling und Babbling.
Waffling ist im Grunde ein strategisches Herumschwafeln. Wir reden nicht, weil wir etwas zu sagen haben, sondern weil wir verhindern wollen, dass sich die Situation ändert. Wenn wir die ganze Zeit über banale Dinge wie den Müllbeutel oder die Parkplatzsuche philosophieren, müssen wir uns nicht auf eine echte emotionale Verbindung einlassen. Es ist eine Art Sicherheits-Schleife. Wir kreisen in der Luft, weigern uns aber hartnäckig zu landen, weil auf dem Boden der Tatsachen vielleicht ein Konflikt oder eine echte Gefühlsregung wartet.
Babbling dagegen ist purer Datenmüll des Gehirns. Das passiert meistens aus Panik. Wir haben Angst vor der Leere und denken, dass Schweigen für das Publikum unzumutbar ist. Also produziert unser Verstand „Satz-Müll", um die Stille zu füllen. Das Problem dabei ist, dass wir beim Plappern gar nicht mehr zuhören können. Wir blockieren den Mitspieler, weil dieser keine Lücke findet, um einen eigenen Impuls zu setzen. Die Szene wird zum Monolog, selbst wenn zwei Leute gleichzeitig reden.
Der Fluch der Erklärung: Don't tell, SHOW!
Ein weiterer Meister, Del Close, hatte eine ganz radikale Meinung dazu. Er hasste es, wenn Spieler „Exposition" betrieben. Das ist dieses typische Erklären der Welt: „Oh, schau mal, wir sind hier in dieser alten, dunklen Höhle und ich habe wirklich großen Hunger."
Close würde sagen: „Don't tell me, show me!" Wenn du Hunger hast, dann such gefälligst nach Essen. Wühl in den Schränken, kau an deinem Schuh, mach irgendwas Physisches. Wer redet, um die Situation zu erklären, behandelt das Publikum als dumm. Er glaubt, die Zuschauer würden nicht verstehen, was los ist, wenn man es ihnen nicht vorkaut. Dabei ist das Publikum viel schlauer, als wir oft denken. Eine starke physische Handlung ist tausendmal spannender als ein erklärender Satz.
Ein weiteres Problem, das Close massiv bekämpfte, war das sogenannte Puttering. Das ist das Gerede über Leute, die gar nicht da sind. Wir nennen sie „Geister-Figuren". Wenn wir auf der Bühne stehen und fünf Minuten lang darüber lästern, was die Nachbarin gestern im Treppenhaus gesagt hat, dann sind wir nicht im Hier und Jetzt. Wir bauen keine Beziehung zu dem Menschen auf, der gerade vor uns steht. Die Szene verliert an Intensität, weil wir uns in die Vergangenheit oder zu abwesenden Personen flüchten.
Raus aus dem Kopf, rein in den Raum
Viola Spolin, die Mutter des Improtheaters, nannte dieses Problem Head-Tripping. Wir stecken in unserem eigenen Kopf fest und versuchen, die Szene intellektuell zu kontrollieren. Wir überlegen uns schon den nächsten Witz oder wie die Geschichte enden könnte. Während wir das tun, fangen wir an zu labern, um Zeit für unsere Planung zu gewinnen.
Spolins Lösung war der Fokus auf den Raum und die physische Aufgabe. Wenn du vollkommen damit beschäftigt bist, einen imaginären, schweren Mülleimer zu leeren und dabei darauf achtest, dass kein Tropfen auf den Boden geht, dann hast du keine mentale Kapazität mehr frei, um unnötiges Zeug zu schwatzen. Die physische Realität macht die Worte oft überflüssig. Wenn der Körper arbeitet, ist der Spieler „im Spiel" und nicht mehr in seinem Kopf-Kino.
Die Angst vor der Stille
In der modernen Improvisation wird oft betont, dass Schweigen eine Form von Mut ist. Susan Messing sagt dazu ganz treffend: „Shut up and be." Wir müssen lernen, unsere Figuren so sehr zu lieben, dass wir ihnen zutrauen, auch schweigend interessant zu sein. Oft reden wir nur, weil wir Angst haben, langweilig zu sein. Aber wahre Intimität und „High Stakes" (hohe Einsätze) entstehen oft erst in den Momenten, in denen nichts gesagt wird. Wenn zwei Verliebte sich zum ersten Mal in die Augen schauen, ist das viel stärker, wenn sie es schweigend tun, als wenn einer sofort sagt: „Schön, dich kennenzulernen, was machst du eigentlich beruflich?"
Die Logik der Entscheidungslosigkeit
Mick Napier sieht in der Geschwätzigkeit vor allem ein Problem der Entscheidungslosigkeit. Spieler reden oft so lange um den heißen Brei herum, bis sie hoffen, dass der Partner endlich eine klare Ansage macht. Das ist wie ein verbales Abtasten, bei dem sich keiner traut, den ersten Stein zu werfen. Napier fordert: Triff sofort eine Entscheidung! Wenn du den Schrank öffnest, entscheide sofort, was drin ist. Wenn du eine Entscheidung getroffen hast, musst du nicht mehr darüber debattieren. Die Szene bekommt eine Richtung und das „Waffling" hört auf.
Auch Will Hines von der UCB-Schule warnt davor, den Humorfaktor zu zerreden. Er nennt das Talking past the Game. Oft passiert etwas Lustiges oder Ungewöhnliches in der Szene, und anstatt darauf zu reagieren und es wirken zu lassen, quatschen die Spieler einfach drüber hinweg. Jeder Satz sollte entweder die Realität behaupten oder sie erforschen. Alles andere ist „Fluff", also Füllmaterial, das die Szene nur unnötig aufbläht.
Wann Labern doch mal gut ist
Natürlich gibt es eine Ausnahme. Keith Johnstone unterscheidet scharf zwischen dem unbewussten Waffling des Schauspielers und dem bewussten Waffling der Figur. Wenn eine Figur labert, weil sie nervös ist oder weil sie sich für unglaublich wichtig hält, dann ist das ein wunderbares Angebot. Eine Plappertasche als Figur ist eine eigene komische Form und kann eine ganze Szene tragen.
Der entscheidende Unterschied ist das Johnstone-Kriterium: Dient das Reden der Geschichte oder schützt es den Schauspieler? Wenn du redest, um Zeit zu gewinnen oder um dich sicher zu fühlen, ist es ein Fehler. Wenn du redest, um die Nervosität deiner Figur zu zeigen oder ein charakterliches Merkmal zu etablieren, dann ist es ein Geschenk an die Szene.
Wie wir das Zutexten beenden
Damit wir auf der Bühne wieder mehr miteinander spielen statt uns nur gegenseitig zu beschallen, gibt es ein paar radikale Techniken:
- Silent Scenes: Versucht mal, die ersten zwei Minuten einer Szene gar nicht zu reden. Das zwingt euch automatisch in die Körperlichkeit und lässt echte Emotionen entstehen.
- Ein-Wort-Sätze: Eine Übung, bei der ihr nur in Ein-Wort-Sätzen sprechen dürft. Das macht Waffling unmöglich und zwingt euch, mit jedem einzelnen Wort eine echte Bedeutung zu transportieren.
- Physische Aufgaben: Wenn ihr merkt, dass ihr zum Plappern neigt, gebt eurer Figur eine komplexe physische Aufgabe. Repariert einen imaginären Motor, sortiert winzige Schrauben oder deckt einen festlichen Tisch. Da das Gehirn mit der Handlung beschäftigt ist, hört das unnötige Geplapper meist sofort auf.
- Gibberish (Kauderwelsch): Wenn man die vertrauten Worte wegnimmt, muss man die Bedeutung durch die Stimme und den Körper vermitteln. Man kann Gefühle nicht mehr „zutexten", man muss sie direkt ausdrücken.
- The Power of the First Thing: Gewöhnt euch an, sofort eine Entscheidung zu treffen. Sobald klar ist, was los ist, gibt es keinen Grund mehr, herumzuschwafeln.
Zusammenfassung: Weniger ist mehr
Am Ende geht es im Improtheater um die Verbindung zwischen zwei Menschen im Hier und Jetzt. David Almond vergleicht eine Szene oft mit einer Symphonie. Die Stille ist dabei die „Bassline", das Fundament. Worte sollten nur die Spitzen einer emotionalen Welle sein. Wenn das Innenleben deiner Figur stark genug ist, brauchst du nur noch einen Bruchteil der Worte, um eine großartige Geschichte zu erzählen.
Traut euch also mal, die Lücken nicht sofort mit Text zu füllen. Lasst den Moment wirken, schaut eurem Partner in die Augen und atmet mal tief durch. Meistens passiert in der Stille viel mehr Spannendes als in tausend hastig dahingesagten Sätzen. Wer weniger redet, spielt am Ende oft mehr.