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Routinen

Routinen gehören zur dramaturgischen Grundausstattung des Improtheaters. Längere Szenen und ganz besonders Langformen sollten mit einer Routine beginnen. Sie ist das Werkzeug, mit dem eine Spielfläche zum Leben erwacht, bevor überhaupt eine Handlung einsetzt – der "Atemzug der Welt", bevor die Geschichte losrennt.

Routinen in diesem Zusammenhang sind – für die dargestellte Person oder für den dargestellten Ort – alltägliche, wiederkehrende Handlungen und Geschehnisse. Das kann eine einfache Tätigkeit wie Bügeln sein, ein Handlungsablauf wie ein morgendliches Aufstehritual oder ein sonstiger Vorgang wie die sich auf und ab bewegende Schranke in einem Parkhaus. Auch komplexere Vorgänge können Routinen sein, etwa ein eingespieltes Frühstück zu dritt, eine Schicht hinter der Theke oder das Öffnen eines Ladens am Morgen. Sinnvoll ist es, die Routinen positiv zu gestalten – also nicht gleich mit einem Problem oder Konflikt hineinzustolpern.

Woher der Begriff kommt

Der Begriff Routine hat in der Improvisation zwei eng verwandte Bedeutungen. Die eine stammt aus der Dramaturgie: die Alltagsaktion, die eine Welt etabliert. Die andere stammt aus der Chicagoer Langform-Tradition um Del Close und bezeichnet das wiederkehrende Muster, das eine Szene erst interessant macht – das, was bei einer Figur oder einem Ort immer so läuft. Keith Johnstone hat denselben Gedanken mit seinem Konzept des "Circle of Expectations" beschrieben: Jede Szene etabliert einen Kreis des Erwartbaren, und Drama entsteht genau dann, wenn dieser Kreis verlassen wird. Beide Lesarten zielen auf dasselbe: Erst wenn klar ist, was normal ist, kann das Publikum erkennen, was besonders ist.

Warum Routinen so wertvoll sind

Routinen haben eine ganze Reihe von Vorteilen – für Spieler, Szene und Publikum:

  • Sie geben Orientierung. Spieler und Zuschauer erkennen sofort, wo wir sind, wer da ist und wie der Laden tickt. Das ist die Grundlage für jedes weitere Verstehen.
  • Sie verschaffen Zeit. Eine Routine erlaubt es, in Ruhe den Raum einzurichten, Basisinformationen nach CBZO bzw. CROW/ROTZ zu platzieren und eine Figur zu charakterisieren, ohne dass der dramatische Druck bereits von der ersten Sekunde an auf den Spielern lastet.
  • Sie liefern Anregungen. Wer bügelt, kann sich die Finger verbrennen. Wer den Garten gießt, kann auf eine Leiche stoßen. Routinen sind eine unerschöpfliche Quelle für Angebote, die sich organisch aus der Tätigkeit ergeben.
  • Sie lassen positiv beginnen. Eine Szene, die mit einer Routine startet, muss keinen Konflikt erfinden. Der Konflikt darf kommen, wenn die Welt steht – nicht vorher.
  • Sie bauen die Plattform. Improvisierer sprechen von der Plattform oder dem Fundament einer Szene: dem Zustand, bevor etwas Interessantes passiert. Eine saubere Routine ist die sicherste Methode, diese Plattform zu errichten.
  • Sie schaffen Vertrautheit. Das Publikum lernt die Figuren über ihr Tun kennen, nicht über ihre Selbstauskunft. Das ist dramaturgisch stärker, weil Zeigen immer mehr wirkt als Sagen.
  • Die Durchbrechung der Routine – der Wendepunkt – ist für die Zuschauer interessant und spannend. Ohne etablierte Routine gibt es keinen Wendepunkt, der sich lohnen würde.

Ort-Routine und Figur-Routine

In der Praxis unterscheidet man zwei Grundtypen:

  • Ortsroutinen etablieren einen Raum. Das Aufschließen eines Geschäfts am Morgen, das Servieren in einem Restaurant, das Einfahren in ein Parkhaus. Die Routine zeigt, wie dieser Ort funktioniert und welche ungeschriebenen Regeln dort gelten.
  • Figurenroutinen etablieren eine Person. Der Vater, der jeden Morgen exakt drei Minuten am Fenster raucht, bevor er "Frühstück!" ruft. Die Studentin, die aus Gewohnheit dreimal checkt, ob die Tür verschlossen ist. Die Routine macht die Figur dreidimensional, weil wir sehen, was sie immer tut.

Viele große Szenen verbinden beide: Eine Figur bewegt sich in einem Ort, und beide haben ihren eigenen Rhythmus. Wenn Figur-Rhythmus und Ort-Rhythmus aufeinandertreffen, entsteht Textur – und aus Textur entsteht Leben.

Die Durchbrechung: von Routine zu Wendepunkt

Der dramatische Sinn einer Routine offenbart sich im Moment ihrer Störung. In der klassischen Struktur gilt: Erst die Routine, dann die erste kleine Veränderung. Del Close hat dies in der Harold-Tradition formalisiert – eine Szene beginnt im Gleichgewicht, etabliert ein Muster, und dann passiert etwas, das dieses Muster ganz leicht verschiebt. Aus der ersten Verschiebung wächst die eigentliche Handlung, der Beat, das Versprechen der Geschichte.

Wichtig ist dabei, dass die Durchbrechung aus der Routine heraus kommt – nicht daneben. Wer während einer Bügelroutine plötzlich ein Ufo hereinschweben lässt, hat die Szene nicht vertieft, sondern abgebrochen. Wer dagegen den Bügeleisen-Dampf nutzt, um eine leichte Irritation bei der Figur aufzubauen ("das dampft heute anders") und daraus eine ganze Enthüllung entwickelt, bleibt in der Welt. Das Prinzip: Die Störung muss die Routine respektieren.

Wie man eine Routine gut spielt

Routine klingt einfach. Sie ist es nicht. Gute Improvisierer folgen einigen Grundsätzen:

  • Still beginnen. Es lohnt sich fast immer, eine halbe Minute wortlos zu spielen. Das gibt dem Publikum Zeit, die Welt wahrzunehmen, und den Spielern Zeit, sie zu finden.
  • Nicht über die Tätigkeit reden. Wer bügelt und dabei sagt "Ich bügel gerade", zerstört die Routine. Die Tätigkeit ist für das Sehen da, das Reden ist für etwas anderes.
  • Präzise sein. Das pantomimische Bügeleisen hat Gewicht, Temperatur und einen festen Platz. Wer diese Details behauptet und einhält, macht die Welt glaubwürdig.
  • Dauer zulassen. Eine gute Routine darf lang genug sein, dass das Publikum anfängt zu warten. Genau dann schlägt sie um.
  • Partner beachten. Wenn ein zweiter Spieler hinzukommt, wird aus der Solo-Routine eine Beziehungs-Routine. Die Art, wie beide miteinander umgehen, enthält oft mehr Information als jeder Dialog.

Typische Fehler

  • Zu schnell in den Konflikt. Der häufigste Anfängerfehler: Nach 20 Sekunden eröffnet der Partner mit "Schatz, wir müssen reden." Die Routine hatte keine Chance, ihre Welt zu bauen.
  • Zu viele Angebote auf einmal. Wer gleichzeitig bügelt, das Radio aufdreht, zum Telefon greift und die Katze füttert, etabliert nichts, sondern rast durch Tätigkeiten.
  • Routine mit Problem verwechseln. Wenn die Tätigkeit selbst schon schwierig ist (verlorene Kontaktlinse auf dem Boden suchen), ist es keine Routine mehr, sondern bereits eine Suche. Das kann funktionieren, sollte aber bewusst gewählt sein.
  • Die Welt vergessen, sobald Text kommt. Sobald der Dialog einsetzt, fallen viele aus der pantomimischen Arbeit. Die Routine sollte weiterlaufen, auch wenn geredet wird.

Beispiele für tragende Routinen

Eine kurze Auswahl aus dem Repertoire (eine umfangreichere Liste findet sich unter Routinetätigkeiten):

  • Morgendliches Aufstehen, Duschen, Zähneputzen, Kaffee aufsetzen
  • Eine Kneipe, in der die Stammgäste nacheinander eintrudeln und jeweils ihr Übliches bestellen
  • Ein Friseursalon mit eingespielten Handgriffen zwischen Waschen, Schneiden und Föhnen
  • Ein Wartezimmer mit leisem Rascheln, Blätterwenden und gelegentlichen Aufrufen
  • Eine morgendliche Redaktionssitzung mit Kaffee, Listen und immer gleichen Witzen
  • Ein Familienabendessen mit festen Plätzen, festen Rollen, festen Streitpunkten
  • Eine Taxifahrt mit eingespielter Kommunikation zwischen Fahrer und Zentrale

In all diesen Beispielen steckt das Versprechen einer Welt, die seit Jahren so läuft. Die Freude des Publikums besteht zunächst darin, diese Welt zu erkennen – und später darin zu sehen, wie sie aus den Fugen gerät.

Siehe auch: Routinetätigkeiten, Veränderung, Wendepunkt, Positiv sein, Etablieren, Basisinformationen, CBZO, CROW, Beat, Harold

Zuletzt bearbeitet von improwiki, 22.04.2026 15:42 · Versionsgeschichte · ·

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