Der Stummfilm ist die erste große Form des Erzählkinos. Ohne gesprochenen Dialog arbeitet er mit Pantomime, Zwischentiteln und musikalischer Live-Begleitung. Die Ära des Stummfilms reicht grob von den ersten Projektionen um 1895 bis zur Einführung des Tonfilms um 1927/29 („The Jazz Singer"). In dieser Zeit entstehen viele Gattungen, die das Kino bis heute prägen: Slapstick, Expressionismus, Historienepos, Melodram. Als Improvisationsgenre ist der Stummfilm besonders dankbar, weil er klare Bilder, große Gesten und ein sehr lesbares Ausdrucksrepertoire fordert.
Typische Elemente (bestehende Sammlung)
- natürlich: nicht reden — evtl. stumme Mundbewegungen,
- Klaviermusik (live im Kino, von einer Pianistin / einem Pianisten am Flügel vor der Leinwand),
- Zwischentitel / Textbilder — Einblender mit einem Satz,
- hektische Bewegungen — schnelle Schnitte, schnelles Spiel,
- Gestik: übertrieben, groß, pathetisch,
- sehr schnelle Abfolge,
- klassisches, tradiertes Männer-Frauen-Bild (Mann mit Zylinder und Stock, hilflose Frau „mit keiner Ahnung von nichts"),
- für den Mann: Monokel, Schnauzbart, Zylinder, Gehstock.
Personen und Figurentypen
- der tragische Clown / der Vagabund (Charlie Chaplins „Tramp"),
- der virtuose Stoiker (Buster Keatons „the Great Stone Face"),
- der tollkühne Draufgänger (Harold Lloyd, Douglas Fairbanks),
- die zarte Heldin / „America's Sweetheart" (Mary Pickford, Lillian Gish),
- die It-Girl- oder Vamp-Figur (Clara Bow, Theda Bara),
- der Schurke mit spitzem Schnurrbart, schwarzem Mantel und Zylinder,
- der Ehrenmann im Frack, der die Heldin retten will,
- der stolpernde Polizist (Keystone Cops),
- die ahnungslose Familie,
- die elegante Dame mit Zigarettenspitze und Pelz,
- der Fabrikarbeiter,
- das Kind mit großen Augen (oft als emotionaler Anker).
Merkmale
- keine gesprochene Sprache — Bedeutung entsteht über Gesicht, Körper und Bild,
- stark stilisierte Mimik und Gestik — Staunen, Schrecken, Verliebtheit müssen „ablesbar" sein,
- Geschichten sind meist klar und einfach — große Gefühle, klare Fronten,
- Bildsprache und Komposition tragen das Erzählen,
- schnelle Szenenwechsel, oft mit sichtbaren Blenden (Irisblende, Überblendung, Wischblende),
- Musik begleitet und kommentiert live — sie ersetzt Atmosphäre und Dialog,
- Zwischentitel sparsam einsetzen: entweder ein Dialogsatz in Anführungszeichen oder eine Erzähler-Einblendung,
- Tempo-Varianten — Slapstick läuft oft in leicht beschleunigtem Tempo, Drama sehr ruhig.
Dramaturgischer Aufbau
- Vorstellung der Figuren — in einer prägnanten, körperlich klaren Szene,
- Das Problem — ein Konflikt, der in einem Bild erkennbar ist (der Bösewicht bedroht die Heldin, die Miete ist fällig, die Maschine läuft Amok),
- Eskalation in kurzen Episoden — Slapstick-Gag reiht sich an Slapstick-Gag, Komplikation an Komplikation,
- Höhepunkt als Bildkomposition — die Verfolgungsjagd, die Rettung in letzter Sekunde, der Sprung über die Schlucht,
- Auflösung — Umarmung, Kuss, Sonnenaufgang; oder tragischer Abgang.
Typische Stilmittel und Elemente
- Zwischentitel in verzierter Schrift: „Am nächsten Morgen …", „Er aber wusste nicht …",
- Irisblende — der Bildausschnitt schließt sich kreisförmig zur Pointe,
- Doppelbelichtung für Geister, Erinnerungen, Träume,
- Zeitraffer / Zeitlupe für komische oder pathetische Wirkung,
- Pantomime — einen Gegenstand imaginieren, ein Fenster öffnen, eine Tür schieben,
- Slapstick-Gags — Torte ins Gesicht, Bananenschale, Leiter, Farbeimer,
- das Gesicht in Großaufnahme — einzelne Träne, weit aufgerissene Augen, bebendes Kinn,
- Pose und Blick — der Vagabund, der am Horizont verschwindet,
- Schwarzweiß mit Hochkontrast,
- Viragen (historisch): ganze Szenen eingefärbt (Nachtszenen blau, Feuer rot),
- Kameragag — Buster Keaton vor der einstürzenden Hauswand,
- Stuntromantik — Harold Lloyd am Uhrzeiger, Douglas Fairbanks auf dem Schwerthieb,
- Klavierbegleitung im Kino, später auch Orchester,
- Szenen-Affektkarten — eine Geste, die einen ganzen Gefühlszustand ausdrückt.
Typische Orte
- New Yorker Straße mit Droschken,
- Fabrik, Fließband, laufende Maschinen,
- bürgerliches Wohnzimmer mit Plüschmöbeln,
- Saloon, Tanzlokal, Nachtclub,
- Bahnhof, Schiff, Hotelhalle,
- Prärie, Wildwest-Straßen,
- expressionistische Kulissen mit schiefen Wänden und überdimensionierten Schatten,
- Zirkus, Jahrmarkt, Varietébühne,
- Schloss in den Alpen, Burg in Transsylvanien,
- Baustelle mit hängenden Balken, Uhrturm mit Zeigern.
Subgenres
- Slapstick-Komödie — Chaplin, Keaton, Lloyd, Harry Langdon,
- Expressionistisches Kino — starke Schatten, schräge Kulissen, traumhafte Bilder (Das Cabinet des Dr. Caligari, Nosferatu, Metropolis),
- Historien- und Monumentalfilm — „Intoleranz" (Griffith), „Ben Hur" (1925), „Metropolis" (Lang),
- Liebes-Melodram — Greta Garbo, Lillian Gish,
- Western — Tom Mix, William S. Hart,
- Kriminalfilm / Horror — Fritz Langs „Dr. Mabuse", Murnaus „Nosferatu", „Phantom der Oper" (1925),
- Abenteuerfilm — Douglas Fairbanks als Zorro, als Robin Hood.
Wichtige Filme und Schauspieler*innen
- Charlie Chaplin — „The Kid", „Goldrausch", „Lichter der Großstadt", „Moderne Zeiten" (noch großteils stumm),
- Buster Keaton — „Der General", „Sherlock Jr.", „Steamboat Bill Jr.",
- Harold Lloyd — „Safety Last" (die ikonische Uhrturm-Szene),
- Douglas Fairbanks — Robin Hood, Zorro,
- Mary Pickford — „Sparrows", „Little Annie Rooney",
- Lillian Gish — „Broken Blossoms", „The Wind",
- Clara Bow — „It",
- Greta Garbo — „Flesh and the Devil" (noch in der Stummfilmzeit),
- Asta Nielsen — dänisch-deutscher Stumm-Star,
- Max Linder — französische Komik vor Chaplin,
- Klassiker: „Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920, Robert Wiene), „Nosferatu" (1922, F. W. Murnau), „Metropolis" (1927, Fritz Lang), „Panzerkreuzer Potemkin" (1925, Sergei Eisenstein), „Die Geburt einer Nation" (1915, D. W. Griffith), „Der letzte Mann" (1924, Murnau).
Typische Regisseure
- Charlie Chaplin (USA) — Regisseur und Hauptdarsteller,
- Buster Keaton (USA) — der „große Steingesicht",
- F. W. Murnau (Deutschland / USA) — Nosferatu, Der letzte Mann, Sunrise,
- Fritz Lang (Deutschland) — Metropolis, Dr. Mabuse, Die Nibelungen,
- Robert Wiene — Das Cabinet des Dr. Caligari,
- G. W. Pabst — Die freudlose Gasse, Die Büchse der Pandora,
- Sergei Eisenstein (Sowjetunion) — Panzerkreuzer Potemkin, Oktober,
- D. W. Griffith (USA) — Intoleranz, Die Geburt einer Nation,
- Ernst Lubitsch — deutsche und US-amerikanische Komödien,
- Carl Theodor Dreyer — La Passion de Jeanne d'Arc.
Tipps fürs Improtheater
- Wirklich nicht sprechen. Kein leises Murmeln, kein hörbares Wort. Notfalls stumme Mundbewegungen.
- Ein Erzähler / eine Erzählerin für die Zwischentitel. Eine Person neben der Spielfläche spricht die Texttafeln ein: „Am nächsten Morgen …", „Er war ihr zum ersten Mal begegnet …".
- Live-Musik. Am besten ein Klavier oder eine Keyboarderin live — Tempo- und Gefühlswechsel werden über die Musik angekündigt.
- Groß, klar, pathetisch. Jedes Gefühl wird über das ganze Gesicht und den ganzen Körper ausgespielt.
- Pantomime sauber aufbauen. Tür, Blumenstrauß, Waffe, Regenschirm — klar imaginieren, klar handhaben.
- Klassiker-Typen bedienen. Der Tramp, die Heldin, der Schurke mit Schnurrbart — die Rollentypen sind das Publikum-Lexikon.
- Slapstick planen. Fall-Szenen, Verfolgung, Torte. Eine klare Gag-Choreografie, nicht Chaos.
- Iris- und Wischblende imaginieren. Mit einer Hand aufs Gesicht zoomen (= Großaufnahme) oder eine kreisförmige Bewegung (= Iris).
- Kurze, klare Geschichten. Ohne Dialog muss der Plot einfach sein — ein Konflikt, ein Held, ein Showdown.
- Ende groß. Vagabund, der in die Ferne zieht. Kuss mit geschlossenen Augen. Ausgestreckter Arm zum Sonnenaufgang.