Das Musical ist ein Genre des Theaters, in zweiter Linie auch des Kinofilms. Es handelt sich um ein Genre, bei dem Gesang, Tanz, Schauspiel und Musik in einem durchgängigen Handlungsrahmen verbunden sind. Musicals gibt es seit den 1920er Jahren (Broadway, New York). Blütezeit waren die späten 1940er und die 1950er Jahre. In späteren Formen des Musicals gibt es kaum noch gesprochene Dialoge. Musicals sind ursprünglich die amerikanische Antwort auf die (europäische) Operette.
Personen
Musicals arbeiten mit klar gezeichneten Rollentypen. Jede Figur ist vor allem ein Träger von Wünschen, Konflikten und Songs.
- Held / Heldin — meist jung, mit einem großen Traum oder einer großen Sehnsucht,
- die Geliebte / der Geliebte — das Gegenüber im zentralen Liebesduett,
- der Rivale oder die Rivalin — droht das Liebespaar auseinanderzubringen,
- die strenge Elternfigur oder Chefin — verkörpert das Hindernis zur Erfüllung des Traumes,
- der beste Freund / die beste Freundin — Sidekick mit dem komischen Song,
- der Mentor — öffnet Türen oder öffnet die Augen,
- der Antagonist — klar böse oder einfach egoistisch (Velma gegen Roxie, Javert gegen Valjean),
- Ensemble und Chor — die Stadt, die Arbeiter, die Gang, die Nachbarschaft, das Publikum auf der Bühne.
Typische Stilelemente und Merkmale
Die nachfolgend beschriebenen typischen Stilelemente und Themen beziehen sich eher auf die Musicals der 1950er Jahre, weniger auf die moderneren Formen wie sie durch „Hair" (1967), „Tommy" (1969), „Mamma Mia" (1999) oder durch die Musicals von Andrew Lloyd Webber (ab 1980) repräsentiert werden.
Grundsätzlich werden (durchgehende) Geschichten erzählt, d. h. der erzählerische Ablauf eines Musicals orientiert sich grundsätzlich an den typischen dramaturgischen Regeln.
Besonderheiten und Stilelemente des Musicals sind:
- Dialoge und Gesangsnummern wechseln sich ab,
- traditionell meist zwei Akte mit Pause,
- unterschiedliche Musikstile, auch populäre Formen des Jazz,
- die Musik ist grundsätzlich eingängig, „schmissig", populär, zum Mitsingen geeignet,
- Balladen (Liebeslieder),
- musikalische Rhythmusnummern signalisieren Dramatik, treiben die Handlung voran und geben der Show neues Tempo,
- „komischer" Song mit entspannender Funktion,
- „netter" Song: Das Publikum soll verzaubert werden, die Figur sympathischer, wichtige Charakterzüge werden herausgestellt,
- der Gesang (ggf. mit Tanz verbunden) bildet den dramaturgischen und ästhetischen Höhepunkt einer Szene,
- aufwendige Produktion: großartige Kostüme und Bühneneffekte, ausgefeilte Technik, plakative Farbgebung, Massen(tanz)szenen, große Orchester, spektakuläre Szenen,
- fantastische und surrealistische Traumsequenzen,
- meist Happy End,
- die Liebenden singen im gemeinsamen Duett ihre Gefühle zueinander,
- es geht um die Bewältigung eines Hindernislaufs zum gemeinsamen Glück eines Liebespaares,
- sozialkritisch, unterschiedliche Hautfarben, Konfessionen und soziale Schichten (West Side Story),
- häufig literarische oder historische Vorlagen,
- meist tragisch und/oder humorvoll,
- kitschig/klischeehaft („Sound of Music").
Typische Songtypen
Die Songs im klassischen Musical übernehmen feste dramaturgische Funktionen. Wer das kennt, kann sie im Impro bewusst zitieren:
- I-want-Song — die Heldin singt, was ihr fehlt und wonach sie sich sehnt („Somewhere That's Green", „Part of Your World").
- Liebesduett — der gemeinsame Song der Liebenden, ihre Gefühle offenbart („Tonight", „All I Ask of You").
- Komischer Song — meist von Sidekick oder Nebenfigur, lockert auf.
- Showstopper — das ganze Ensemble tanzt und singt, Produktionsnummer mit Wow-Effekt.
- 11-o'clock-Song — kurz vor dem Finale, die Hauptfigur fasst den Konflikt noch einmal zu einem großen Song zusammen („Defying Gravity", „Rose's Turn").
- Ensemble-Finale — alle Figuren auf der Bühne, ein Lied fasst den Weg der Geschichte zusammen.
- Reprise — ein früheres Lied wird wieder aufgegriffen, oft in verändertem Kontext — der gleiche Text klingt jetzt anders.
Typische Konflikte und Themen
- die verbotene oder standesübergreifende Liebe,
- der Traum vom Ruhm / dem großen Auftritt (Backstage-Musical),
- Tradition gegen Moderne,
- arm gegen reich, Einwanderung, Aufstieg,
- Stadt gegen Land (kleinstädtisches Mädchen in New York),
- Rivalität zweier Figuren oder zweier Gruppen (Sharks vs. Jets),
- Selbstfindung — wer bin ich, wohin gehöre ich,
- ein großes Fest (Hochzeit, Show-Premiere, Abschlussball) als Ziel der Handlung.
In der Improumsetzung hilft es, den Konflikt aus einer klaren Beziehung zweier Figuren zu schöpfen und den Status dazwischen sauber zu etablieren.
Typische Orte
- New York, London, Paris — die große Stadt,
- kleines Städtchen mit Heimatidyll,
- Backstage-Welt: Theater, Probenraum, Garderobe,
- Ballsaal, Nachtclub, Jazzkeller,
- Café, Diner, Eckbar,
- Straße, Feuerleiter, Hinterhof,
- Schule, Abschlussball, College-Flur,
- Zug, Hafen, Bahnhof — Orte des Aufbruchs,
- Traumlandschaften (surrealistische Ballette der Heldin).
Bekannte bzw. typische Musicals
- West Side Story
- Die Drei von der Tankstelle
- Ein Amerikaner in Paris
- Singin' in the Rain
- My Fair Lady
- Sound of Music (im deutschsprachigen Raum wenig bekannt)
- Mary Poppins
- Chicago
- Cabaret
- Hair
- Jesus Christ Superstar
- Tommy
- Grease
- Cats
- Das Phantom der Oper
- Les Misérables
- Mamma Mia
- Starlight Express
- The Lion King
- Wicked
- Hamilton
Bekannte Komponist*innen und Autor*innen
- Rodgers & Hammerstein (Oklahoma!, Sound of Music, South Pacific),
- Lerner & Loewe (My Fair Lady, Gigi),
- Leonard Bernstein (West Side Story),
- Stephen Sondheim (Sweeney Todd, Into the Woods, Company),
- Andrew Lloyd Webber (Cats, Phantom der Oper, Evita, Jesus Christ Superstar),
- Schönberg & Boublil (Les Misérables, Miss Saigon),
- Kander & Ebb (Cabaret, Chicago),
- Alan Menken (Little Shop of Horrors, Disney-Musicals),
- Lin-Manuel Miranda (In the Heights, Hamilton),
- Jerry Herman (Hello, Dolly!, La Cage aux Folles),
- Kurt Weill & Bertolt Brecht — Ahnherren über die Dreigroschenoper.
Tipps fürs Improtheater
- In den Gesang kippen, wenn das Gefühl groß wird. Der Song ist nicht Schmuck, sondern der Ort, an dem die Wahrheit sichtbar wird.
- Klare I-want-Aussage zu Beginn. Was wünscht sich die Hauptfigur? Das trägt die ganze Handlung.
- Reprisen bewusst einsetzen. Eine Melodie, die früh gesetzt wurde, kann später mit neuem Text Bände sprechen.
- Mit dem Ensemble arbeiten — Showstopper leben vom Chor, der mitspielt, ohne einzelne Rollen zu brauchen.
- Zwei Akte, eine Pause. Mit einem dramatischen Cliffhanger in die Halbzeit, groß zurückkommen.
- Das Duett als Höhepunkt. Wenn die Liebenden zueinanderfinden (oder sich verlieren), dann im gemeinsamen Song.
- Traumsequenz als Ausbruch. Eine Figur kann tanzend/singend in einen Traum entgleiten, der die innere Welt zeigt.
- Bühnenbild andeuten, nicht bauen. Ein einzelner Stuhl ist Café, Bett, Balkon — die Musik trägt den Rest.
- Klare Figuren-Typen statt psychologischer Feinheit — Musicals sind groß, klar und gefühlt. Siehe auch verwandte Genres wie Bollywood und Liebesfilm.